Interna aus dem Autorenleben | Reblogged: Warum ich auf Testleser nie verzichten würde

„Warum ich auf Testleser nie verzichten würde“ überschreibt Claudia Pietschmann, Autorin und Lektorin, ihren Blogbeitrag, und ich kann ihr nur zustimmen.

In der Theorie weiß ich viel. Aber nichts, wirklich gar nichts hat mich auf den Moment vorbereitet, an dem sich kritische Leser mit meinem Buch beschäftigen.

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Oh wie wahr! Es fühlt sich an wie ein Striptease – und deshalb ist auch nicht jeder kritische Leser als sogenannter „Beta“ geeignet. Denn zu dieser Zeit, noch ehe das Manuskript ans Lektorat geht, ist befinden sich beide, Text und Autor, in einem äußerst heiklen Ausnahmezustand.

Diese Momente, in denen ich auf das Urteil warte und hoffe, dass es nicht allzu hart ausfällt.

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Ja, die lieben „Verrisse“. Welcher Autor kennt sie nicht?

Meine ersten „Gehversuche“ wurden damals auch komplett in ihre Einzelteile zerlegt, einmal komplett gegen den Strich gebürstet und dann wieder so zusammengeschraubt, wie die Betaleser dachten, dass es richtig sei.
Ganz gewiss nicht aus bösem Willen – sondern gespeist aus der Erfahrung, dass historische Romane eben so und nicht anders zu erzählen sind.

Und ich – glaubte ihnen. Striegelte meine Manuskriptidee also genau in die Richtung, wie es den Genrekonventionen entsprach. Und verlor dabei völlig aus den Augen, weshalb ich eigentlich überhaupt angefangen hatte zu schreiben:
Weil ich etwas lesen wollte, das eben nicht dem entsprach, wie historische Romane üblicherweise geschrieben werden.

Es war für mich ein ziemlich schwieriger Weg, den ich nur dank der Hinweise aus qualifizierten Agenturabsagen beschreiten konnte – und weil mir Mitglieder aus meiner Schreibgruppe Mut machten, es einfach „my way“ zu probieren.

Aber dennoch brauche ich Betaleser wie die Luft zum Atmen.

Warum? Weil ein gutes Buch immer auch Teamarbeit ist. Weil Autoren auf Hilfe angewiesen sind, um den Diamanten zum Funkeln zu bringen.

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Diese Aussage von Claudia Pietsch unterschreibe ich sofort! Allein Einspruch erhebe ich bei der folgenden:

Betaleser können Freunde sein oder Verwandte. Ja sogar Tante Hilde kommt in Frage. Sie muss nur eine Voraussetzung erfüllen: Sie muss ehrlich sein.

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Gewiss – Ehrlichkeit ist unbedingt erforderlich! Dieser Punkt steht völlig außer Frage.

Aber Ehrlichkeit allein hilft nicht – denn der Betaleser muss vor allem eines:
Das Buch und seine Grundidee mögen wollen – und als solches akzeptieren.

Es wird beide unglücklich machen, Autor und Betaleser, wenn man sich über gewisse Dinge im Vorfeld nicht einigt (und nicht zuletzt wird auch das Manuskript massiv darunter leiden).

Es macht wenig Sinn, wenn der Autor einen Beziehungs- oder Liebesroman schreibt – der Betaleser aber bei jedem „Knistern“ aufs Neue anfängt zu argumentieren, dass ihm solche Szenen gegen den Strich gehen, er am liebsten ein „Fade out“ hätte anstelle einer „horizontalen Kampfszene“. Zu einer Beziehung sollte, zur Liebe aber muss das Knistern gehören – darüber darf es kein Deuteln geben.
Notfalls muss man als Autor solche Kritik auch einfach überhören.

Oder wenn sich aus der gewählten Erzählperspektive ein bestimmtes sprachliches Niveau ergibt. Versetze ich den Leser in den Kopf einer einfachen Magd, muss die Sprache einfach gehalten sein, Wortwiederholungen können das bewusst unterstreichen – „beame“ ich ihn aber in den Hirnkasten eines Gelehrten, sollte sich das unbedingt in der Wahl des Stils abzeichnen. Er wird sich erheblich gewählter ausdrücken, Fremdwörter kennen und Synonyme benutzen.

Aber auch scheinbar unüberbrückbare Differenzen zwischen Autor und Betaleser, die zu einem Abbruch führen, können hilfreich sein.

Und falls das Feedback scheinbar hart ausfällt, vergessen Sie nie, dass Sie darum gebeten haben. Vergessen Sie nie, dass es Ihnen hilft, sich als Autor weiter zu entwickeln.

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Genau!

Denn egal, wie gut man schreibt – es wird immer jemanden geben, der meckert.

Glaubst du nicht? Dann geh und schau bei den Amazon-Kundenbewertungen deines Lieblingsautors nach: Auch sein Werk wird in nicht wenigen 1-Stern-Rezensionen zerrissen – obwohl du es doch nur grandios gefunden hast!

Es gibt Leser, die eine für dich absolut nachvollziehbare Wendung im Buch nicht verstehen, die deinen Lieblingsprotagonisten unsympathisch und Szenen, die du besonders witzig und gelungen fandest, als langweilig abtun.

Geschmäcker sind verschieden – auch darauf bereiten dich Testleser vor.
Denn als Autor musst du in gewissem Maß ein dickes Fell entwickeln.
Es ist nicht möglich ein Buch zu schreiben, das jedem Leser gleichermaßen gefällt. (Genau wie Universal-Topfdeckel auf allen Töpfen gleichermaßen klappern, aber nie richtig passen.) Was Lisa Schneider liebt, wird Dr. Müller-Lüdenscheidt nur ein irritiertes Augenbrauenzucken entlocken.

Die Kritik von Betalesern hilft Autoren auch, die Zielgruppe für ihr Buch, vielleicht sogar ihr Gesamtwerk besser zu justieren.

Denn das Feuerwerk, wofür jeder Autor schreibt, das zündet, wenn sein Buch von den Menschen gelesen wird, für die es geschrieben wurde. Wenn der Deckel sitzt, passt, wackelt und Platz hat. Dann kommt er, dieser Moment:

Eigentlich hoffe ich, dass sie mir über den Kopf streichen und mir eindringlich erklären, wie großartig ich bin. Wie brillant die Idee, wie grandios mein Stil.

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Und wenn man ganz besonders großes Glück hat, dann gibt es solche Momente auch von einem Betaleser, von dem man so ein Feedback nie im Leben erwartet hätte.

Das passiert, wenn meine hyperkritische Testleserin, die Fantasy mit epischen Kampfszenen inhaliert, mir für eine solche ihr Lob ausspricht ebenso, wie wenn jemand nur testen sollte, ob „Melwyn2“ auch als „Stand alone“ taugt (sprich man mitkommt, ohne dass man DIE 13. JUNGFRAU kennt) und einem dann bescheidet, man hätte einen Fan gewonnen. Einen zweiten (nachdem ich diese Woche auf Facebook getaggt wurde als eine von drei Lieblingsautoren einer Leserin).

Also: Testleser? Ja, ohne Frage. Aber die richtigen. Und niemals die eigene Meinung, das ureigenste Ziel aus dem Blick verlieren: Für wen du am Ende aller Tage wirklich schreibst.

Schreibst du, damit es dir gefällt, oder um die Genrekonventionen eines abstrakten Marktes zu erfüllen?

Entscheide dich – und dann: Geh deinen Weg!

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